Mazumbai Innovation im Regenwald

Ein Haus auf der Lichtung. Plantagen und ein Regenwald, so weit das Auge reicht. Das ist Mazumbai, einer der letzten Bergregenwälder Tansanias. Hierhin verschlägt es 1945 die Winterthurerin Lucie Tanner und ihren Mann John. Hier produzieren sie Kaffee, Tee und Chinin. Hier ziehen sie vier Kinder gross.


Ihre Geschichte beginnt im Technikum Winterthur. Beide studieren sie Chemie. Draussen tobt der Krieg. Die Liebe scheint von kurzer Dauer. John ist nur während der

Kriegsjahre in der Schweiz. Der Sohn eines Schweizer Sisal-Industriellen ist in Tanganjika geboren. Ihn plagt das

Heimweh. Doch am 1. September 1945 besteigen sie gemeinsam einen Zug in Annemasse bei Genf. Nach drei Monaten sollten sie in Ostafrika ankommen.





Einzigartige Artenvielfalt


Lucie Tanner ist fasziniert von der Schönheit des Mazumbai-Waldes, insbesondere seiner Orchideen. Als Chemikerin ist ihr der stete Kreislauf des Werdens und Vergehens vertraut. Und sie versteht die immense Bedeutung des Waldes für Mazumbai und die Menschen der Region. Der Wald versorgt die Menschen bis an die Küste mit Trinkwasser und garantiert die Stromversorgung des Mazumbai-Hauses. Nicht aus intellektueller Akrobatik, sondern bedingt durch ihre Lebensumstände betrachten Lucie und John Tanner den Mazumbai-Wald, die Bevölkerung der Usambara-Berge und ihre Bedürfnisse der Waldnutzung als ein integriertes

System. Einen Fokus auf das Klima, wie ihn die ‹Klimajugend›von heute pflegt, hätten sie sicher als ungenügend empfunden.



Dreieck: Wald – Wirtschaft – Mensch


John und Lucie Tanner verfolgen in Mazumbai auch ökonomische Interessen. Vor allem der Tee-Anbau und später die nicht einheimische Chinin-Pflanze sichert ihnen ein geregeltes Auskommen.


Doch die ökologischen Anbaumethoden von John und Lucie Tanner gleichen in nichts der kolonialen Tradition der Engländer. Diese scheuen nicht davor zurück, riesige Waldstücke für ihre Plantagen zu opfern.


Sie legen ihre Teefelder senkrecht zu den Hängen an, was eine rasche Erosion des Bodens begünstigt. Dahingegen nehmen sich die Tee-Felder der Tanners winzig aus. Sie sind waagerecht zu den Hängen ausgerichtet, damit das Wasser leicht hinter den Pflanzen versickern kann. Bei oberflächlicher Betrachtung verwischt die Grenze zwischen Mazumbai-Wald und Tee-Plantagen vollständig. Denn John Tanner legt seine kleinen Tee-Felder im Regenwald selbst an, damit die Bäume mit ihrem Wurzelwerk den Hängen zusätzlich Halt verleihen können. Am Ende der Erntezeit sind die Tee-Säcke der Tanners wohl weniger prall gefüllt, als jene der englischen Pflanzer. Doch nicht um die Menge, sondern um die Qualität ihres Assam-Tees ist es den Tanners zu tun.



Eine Gewerkschaft vor ihrer Zeit


John und Lucie Tanner sind von ihren Mitarbeitenden abhängig. Sie gründen eine Gewerkschaft (‹shirika›) in einer Zeit, in der eine solche Organisationsform in Tansania noch

gar nicht registriert werden konnte. Die Angestellten sind nun keine blossen ‹Angestellten› mehr, sondern Gewerkschafter mit Gewinnbeteiligung. Auch spätere Manager von Mazumbai haben dieses wichtige Kompensations-Prinzip verinnerlicht. Regelmässig verteilen sie Schösslinge an die Bewohnerinnen und Bewohner Mazumbais, damit diese ihren Eigenbedarf an schnell wachsendem Brennholz decken können, ohne die Bäume des Waldes anzutasten.


Nach der Unabhängigkeit Tansanias übergeben die Tanners Mazumbai an die Universität von Dar es Salaam. Später geht der Wald an die Sokoine University of Agriculture über. Mazumbai und seine Artenvielfalt sind zu einem wichtigen Zentrum für die ökologische Lehre und Forschung geworden. Regelmässig erforschen tansanische und ausländische Studierende den Wald.



Ein früher Beitrag zu den Sustainable Development Goals


Die Natur, die Wirtschaft der Mensch. Ein Gleichgewicht, das nicht in Hörsälen doziert, sondern im praktischen Leben wurzelt. Es ist sicherlich nicht verkehrt, die Leistungen von John und Lucie Tanner als einen frühen Beitrag zu den Sustainable Development Goals zu werten. In unseren Breitengraden wird oft der Eindruck geäussert, dass sogenannte ‹start ups› und Innovation nur in einem universitären Milieu gedeihen können. Doch die Geschichte von John und Lucie Tanner zeigt das Gegenteil. Innovation findet auch im täglichen Umgang mit dem Ökosystem statt. Ganz im Geist der Inspiration, die uns der Regenwald lehrt.




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