Eine Pille gegen die Afrikanische Schlafkrankheit

Im Jahr 2004 durchsucht der Parasitologe Heinz Hänel illegal das Archiv des Pharma-

unternehmens Sanofi-Aventis. Und findet einen Wirkstoff, der die Behandlung der Afrikanischen Schlafkrankheit revolutionieren wird.


Nein, erwischen lassen durften sie sich nicht. Der Parasitologe Heinz Hänel und die Archivarin Frau Wilhelmi sind in den Kellern des Pharmariesen Sanofi-Aventis. Stapel von dicht verschlossenen Holzkisten so weit das Auge reicht. Mit einem Brecheisen öffnen sie Kiste um Kiste. Werden sie je finden, wonach sie suchen?


Heinz Hänel kennt die Firma seit über 25 Jahren. Bereits 1979 hatte er als Werkstudent bei der damaligen Hoechst AG in Frankfurt gearbeitet. Damals testete das Team in der Tropenmedizin die Wirkung einer bestimmten Stoffklasse (Nitroimidazole) auf Krankheiten wie die Chagas-Krankheit, die Leishmaniose oder die Afrikanische Schlafkrankheit. Dabei ging ihnen auch der Wirkstoff «Hoe 239» (Fexinidazol) ins Netz. Er zeigte sich besonders wirksam gegen soge-

nannte Trypanosoma brucei, die Erreger der Afrikanischen Schlafkrankheit.


Die Afrikanische Schlafkrankheit war damals das Stiefkind aller vernachlässigten Tropenkrankheiten. Durch den Stich einer Tsetsefliege übertragen, fielen ihr die ärmsten Menschen in Zentralafrika zum Opfer. Unbehandelt endete sie in allen Fällen tödlich. Melarsoprol war damals die Standardtherapie. Eine Arsen-Verbindung, die 5 % aller Behandelten das Leben kostete. Zudem musste Melarsoprol als Infusion verabreicht werden, was gerade im abgelegenen Kongo oder in der Zentralafrikanischen Republik hohe An-

forderungen an die Hygiene und die Logistik stellte.


Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Denn nur ein Jahr später (1980) beschloss der Vorstand der Hoechst AG, die Forschung zu vernachlässigten Krankheiten an den Nagel zu hängen. Schuld waren die traumatischen Erfahrungen mit dem Malariamedikament Floxacrin. Dieses hatte sich nach jahrelanger Forschung und grossem finanziellem Aufwand als Flop erwiesen. Es galt nun, sich lukrativeren Geschäftsfeldern zuzuwenden: der Diabetes, dem Herz und dem Kreislauf. Die Syntheseanleitung nebst umfangreicher Dokumentation und 3 mg der chemischen Verbindung von «Hoe 239» landeten in der Box.


Für Heinz Hänel begannen intellektuelle Wanderjahre: In Australien studierte er Pilzerkrankungen bei Termiten. Im Urwald von Malaysia die Bienenmilbe. Nach seiner Rück-

kehr nach Frankfurt erklomm er die Karriereleiter bei derSanofi, war verantwortlich für die Entwicklung von Medikamenten gegen Pilze, Bakterien und Diabetes. Daneben

lehrte er als Titularprofessor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, widmete sich der Forschungsförderung für junge Forschende. 2003 veröffentlichte er mit Wolfgang Raether einen Artikel zu den Nitroimidazolen und ihrer Wirkung auf verschiedenste Parasiten. In einem Satz erwähnten sie auch das Fexinidazol. Es dauerte nicht lange, da meldete sich die aufgeregte Stimme von Bernadette Bourdin von der Drugs of Neglected Diseases initiative (DNDi) am Telefon. DNDi wurde von den Ärzten ohne Grenzen in Genf gegründet. Ihr Ziel ist es, mit Partnern aus der Industrie und privaten Geldgebern die Entwicklung von Medi-kamenten gegen vernachlässigte Krankheiten anzukurbeln. Bourdins Interesse galt dem Fexinidazol. Dieses hatte keine schädlichen Nebenwirkungen und könnte als Tablette

eingenommen werden. Die Zeiten der gefährlichen Melarsoprol-Infusionen wären vorbei. Gibt es bei der Sanofi noch irgendwelche Unterlagen, welche die Eigenschaften des Präparats belegen könnten?


Angesteckt durch den Eifer des kleinen DNDi-Teams um Els Torreele begann Heinz Hänel die Geschichte aufzurollen. «Während fünf Jahren habe ich gegen starke Widerstände innerhalb der Sanofi angekämpft», erinnert er sich. Mit einer Kollegin durchforstete er dann das Archiv. Sie bargen den Wirkstoff samt Syntheseanleitung aus den Kellern des Pharmagiganten. Immer wieder fuhr er nach Genf, um die DNDi bei den nächsten Schritten zu beraten. Und ir-

gendwann lenkte dann auch die Sanofi ein und erkannte die Bedeutung des Unterfangens.

Mit an Bord waren auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Bill & Melinda Gates Foundation und das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH). Reto Brun vom Swiss TPH bewies die Wirksamkeit von Fexinidazol in vitro und sein Kollege Christian Burri verantwortete die klinischen Studien in Afrika. 2008 empfing Els Torreele den ersten DNDi «project of the year award» aus den Händen des Leiters von DNDi und Direktors des

Swiss TPH Marcel Tanner. Im November 2019 empfahl die Europäische Arzneimittel-Agentur Fexinidazol als erste orale Behandlung gegen die Afrikanische Schlafkrankheit. Und nur einen Monat später, am Weihnachtstag, genehmigte die Regierung der Demokratischen Republik Kongo eine uneingeschränkte Behandlung mit dem neuen Medikament. Aus einem vergessenen Präparat und der Hartnäckigkeit eines Einzelkämpfers entwickelte sich eine internationale Zusammenarbeit, welche die Gesundheit von vernachlässigten Menschen grundlegend verbesserte. «Ein Lebenstraum ist in Erfüllung geraten«, sagt Heinz Hänel.



Sie liess ihren Opfern wenig Chance, die Afrikanische Schlafkrankheit.


Wer einen infektiösen Stich der Tsetsefliege davontrug, hatte unbehandelt bis vor Kurzem wenig Überlebenschancen. Die Trypanosoma brucei, die Erreger der Schlafkrankheit, wandern

in die Blutgefässe und vermehren sich rasant. Sie durchbrechen die Blut-Hirn-Schranke, bahnen sich ihren Weg ins Nervensystem und verursachen Schlaf- und neurologische Störun-

gen. Die Infektion endet unbehandelt tödlich. Das Auftreten der Krankheit war in den vergangenen hundert Jahren starken Schwankungen unterworfen.




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