In memoriam: Prof. Dr. Meinhard Schuster (1930-2021)


Basel und die aussereuropäische Welt; von dieser engen Verbindung zeugen zahlreiche in Basel beheimatete Institutionen. Die Basler Mission, das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), das Museum der Kulturen oder das Ethnologische Seminar der Universität Basel. Der am 4. März 2021 verstorbene Prof. Dr. Meinhard Schuster stand letzterem während 30 Jahre vor. Und mit seinem ganzen Wesen für einen offenen Dialog zwischen den verschiedenen Institutionen und akademischen Disziplinen. Immer wieder zog er Lehrkräfte aus anderen ethnologischen Instituten der Schweiz oder dem nahen Ausland hinzu. Am meisten aktuelle Kontakte und den intensivsten Austausch gab es bis in die 1990er Jahre hinein mit Forschenden in und zu Ozeanien, speziell Papua New Guinea. Einige von uns wuchsen in diese Forschungsnetzwerke hinein und führten eigenständige Dissertations- und Forschungsprojekte in Papua New Guinea durch. Aber Herr Schuster war sowohl regional als auch sachthematisch offen, unterstützte Projekte in Mittel- und Südamerika, Afrika und Südostasien, von Studien zu materieller Kultur, über Wirtschaft-, Sozial- und Religionsethnologie bis hin zur Medizinethnologie. Davon sprechen die über 40 als Basler Beiträge zur Ethnologie publizierten Dissertationen buchstäblich Bände. Eine grundsätzliche Offenheit brachte Herr Schuster nicht nur Kolleginnen und Kollegen innerhalb des eigenen Faches entgegen. Er veranstaltete auch immer wieder gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Dozierenden anderer Fachrichtungen an der Universität Basel sowie an den Universitäten von Freiburg und Strassburg.


Herr Schuster ermutigte seine Schülerinnen und Schüler intellektuell zu neuen Ufern aufzubrechen. So förderte er zum Beispiel Prof. Dr. Brigit Obrist in ihrer Absicht die «Medical Anthropology» in Basel zu einem Schwerpunkt in Lehre und Forschung auszubauen. Und er stand der Absicht von Prof. Dr. Marcel Tanner, Direktor des Swiss TPH, die wichtigen Sozialwissenschaften am Swiss TPH zu etablieren, positiv entgegen. «Gesundheitsprobleme sind immer multidisziplinär und können nur interdisziplinär angegangen und gelöst werden», sagt Marcel Tanner. Die von Meinhard Schuster ermöglichte, über 30-jährige Zusammenarbeit zwischen dem Swiss TPH, dem Ethnologischen Seminar und dem Zentrum für Afrikastudien ist eine interdisziplinäre Erfolgsgeschichte. Die von Brigit Obrist verantwortete sozialwissenschaftliche Forschung am Swiss TPH trug nicht einfach nur zu einer Erweiterung des methodischen Kanons bei. Die Expertise der Medical Anthropology ist zentral bei der grundlegenden Frage, welche Gesundheits-Massnahmen eine betroffene Bevölkerung akzeptiert. Was verstehen lokale Bevölkerungsgruppen unter ‘Malaria’, Tuberkulose oder HIV/AIDS? Wie interpretieren Mitarbeitende der Gesundheitssysteme vor Ort die jeweiligen Massnahmen zur Bekämpfung biomedizinisch definierter Krankheiten? Kommen Massnahmen wie Moskitonetze bei den Menschen an, die sie nutzen sollten, und wenn nein, warum nicht? Und welche Unterstützung wünschen sich beispielsweise ältere und chronisch kranke Menschen vom Gesundheits- und Sozialsystem? Diese oder ähnliche Fragen haben neben Brigit Obrist zahlreiche andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Swiss TPH beschäftigt und werden es auch in Zukunft tun: Denn ohne fundierte Kenntnisse der Lebensweise und der Wertvorstellungen anderer Gesellschaften sind Fortschritte in der globalen Gesundheit undenkbar. Meinhard Schuster hat den Wert dieser Zusammenarbeit erkannt und wir sind ihm deshalb äusserst dankbar. Einen Dank, den Marcel Tanner anlässlich von Herrn Schusters 90. Geburtstag am 17. Mai 2020 so formulierte:


Meinhard, wir sind Dir enorm dankbar für Deine Offenheit neue Partnerschaften über Disziplinen, Kulturen und Systeme hinweg anzugehen. Wohl hast Du nicht all unsere (Brigit und die meinen) Pläne in ihren Details verstanden - wir wahrscheinlich auch nicht - aber Du hast uns ermuntert, neue Wege zu gehen, hast alle administrativen Hürden weggeräumt und uns auf die Reise geschickt. Dein kreatives Zuhören und Dein Gespür und Respekt für Tiefe im Enthusiasmus von jüngeren Forschenden hat uns Kraft und Freude gegeben, neue Wege zu beschreiten. So wird Miteinander gelebt und so lebtest Du und lebst Du stets auch mit und in uns weiter. Vor allem auch durch Dich lernten wir, dass es nicht darum geht, etwas Grossartiges zu leisten, sondern einzig darum, die gewöhnlichen Dinge in Anerkennung ihres inneren Wertes zu tun.


Prof. Dr. Marcel Tanner (Direktor emeritus Swiss TPH)


Prof. Dr. Brigit Obrist (Prof. em. für Medical Anthropology, Swiss TPH und Universität Basel)


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